Interview: Der Bürgermeister der EG Morbach über Fidschi, sichere Schulen und eine fällige Entscheidung

Seit sechs Jahren ist Andreas Hackethal Bürgermeister der Einheitsgemeinde Morbach. Im TV-Interview mit Redakteurin Ilse Rosenschild spricht er über Chancen und die mögliche Struktur einer großen Hunsrückgemeinde, um Sinn und Unsinn des Nationalparks und die Zukunft des Themas Heimat in Morbach

Herr Hackethal, Ihr Start im Morbacher Rathaus begann gleich mit einem Handicap. Sie hatten keinen Chefsessel. Den hatte Ihr Vorgänger, der heutige Landrat Gregor Eibes, ins Kreishaus mitgenommen. Das Problem ist behoben, nehme ich an?
Hackethal: Ja, ich habe einen Bürostuhl. Und er funktioniert.

Gab es denn Irritationen zwischen Gregor Eibes und Ihnen?
Hackethal (schmunzelnd): Wegen des Bürostuhls? Nein, zu keinem Zeitpunkt.

Mal ehrlich: Jeder hat ja bestimmte Vorstellungen von dem Beruf, den er ergreift. Trafen die bei Ihnen zu?
Hackethal:  Ja, das hat gepasst. Ich bin dankbar, dass ich so wirken kann und darf. Vorteilhaft war, dass ich Zeit meines Lebens politisch aktiv gewesen bin, schon als Jugendlicher, und dass mir die Gremienarbeit nicht fremd war.

Was war denn rückblickend die schwierigste Aufgabe in Ihrer Amtszeit?
Hackethal: In der Kommunalpolitik gibt es fast keine einfachen Aufgaben. Eine der schwierigsten Situationen in den sechs Jahren war sicherlich der drohende Verlust der Polizeiinspektion Morbach beziehungsweise ihre Rückstufung zur Wache. Das war ein Thema, bei dem wir alle die Luft angehalten haben.

Das Ergebnis ist bekannt.
Hackethal: Es ist damals gelungen, gemeinsam dem Land deutlich zu machen, dass eine solche Entscheidung das falsche Signal für den ländlichen Raum gewesen wäre. Aber wir müssen ein waches Auge haben, damit niemand auf die Idee kommt, so etwas noch mal anzudenken.

Und welches war die schönste Aufgabe?
Hackethal: Die schönste Aufgabe ist sicher der direkte Umgang mit den Menschen - in allen Lebensumständen. Hier sind es natürlich die besonderen Anlässe, die schönen Ereignisse, die auch besondere Freude machen.

Wichtig war Ihnen schon vor sechs Jahren die Schaffung einer großen Hunsrückgemeinde. Es sieht ja so aus, als ob Sie kurz vor dem Ziel stünden.
Hackethal: Der Hunsrück hat in seiner Geschichte immer darunter gelitten, dass er stets Spielball anderer war. Im besten Fall war er Aufmarschgebiet für andere Mächte. Und er sucht noch immer nach einer eigenen Identität. Wir tun also gut daran, keine Kirchturmpolitik zu betreiben, sondern im Rahmen von starken Kommunen zu denken. Und deshalb sollten wir eine große Hunsrückgemeinde anstreben. Das war schon damals meine Überzeugung. Und sie ist es heute noch.

Um jeden Preis?
Hackethal: Nein, natürlich nicht. Uns war immer wichtig, dass Kommunen freiwillig zu uns kommen. Dieselbe Freiwilligkeit nehmen wir aber auch für uns in Anspruch.

Was heißt das?
Hackethal: Die Beschlüsse, die der Morbacher Gemeinderat mit Blick auf die Kommunalreform getroffen hat, wurden unter der Prämisse gefasst, dass das Land Rheinland-Pfalz die finanziellen Rahmenbedingungen so gestaltet, dass auch eine starke Hunsrückgemeinde entstehen kann. Es macht aber sicher keinen Sinn, wenn unsere Gemeinde zwar größer wird, wir aber unsere Handlungsfähigkeit verlieren.

Ist denn die Frage Einheitsgemeinde oder Verbandsgemeinde aus Ihrer Sicht vom Tisch?
Hackethal: Wir haben in der Diskussion immer wieder deutlich gemacht: Wir können über alles reden, nicht aber über unsere Struktur der Einheitsgemeinde, mit der wir seit mehr als 40 Jahren gute Erfahrungen gemacht haben. Das Thema Verbandsgemeinde ist vom Tisch. Meine Auffassung ist ohnehin: Die Struktur einer Verbandsgemeinde ist nicht mehr zeitgemäß.

Die Einheitgemeinde ist also tabu. Werden Sie nicht ungeduldig, was die Kommunalreform angeht?
Hackethal: Ich möchte den Morbachern ein großes Kompliment aussprechen, dass sie auch nach Jahren, in denen das Thema Kommunalreform auf der Agenda steht, bemerkenswert unaufgeregt und sachlich diskutieren. Aber: Das Thema muss jetzt entschieden werden.

Die Dörfer in der VG Thalfang sind teils hoch verschuldet. Auch die Kommunalreform an sich wird Geld kosten. Haben Sie keine Angst, Altbürgern der Einheitsgemeinde erklären zu müssen, dass beispielsweise ein Projekt, auf das man schon lange wartet, weiter geschoben werden muss.
Hackethal: Genau darum geht es in den Gesprächen mit dem Land: dass wir unsere Handlungsfähigkeit, die wir derzeit haben, nicht verlieren.

Das Thema Nationalpark ist Ihnen damals vor die Füße gefallen.Halten Sie die Entscheidung von damals richtig, den Nationalpark abzulehnen?
Hackethal: Der Nationalpark ist heute Realität. Und deshalb ist die Frage müßig. Denn heute können wir besser als damals erkennen, wo die Entwicklung hingeht. Es gab vor allem drei Gründe, aus denen wir dem Nationalpark zurückhaltend gegenüberstanden.

Und die wären?
Hackethal: Ein ökonomischer: Es gibt viele Betriebe, die in vielerlei Hinsicht vom Werkstoff Holz abhängen und auf die Ressourcen aus der Region zurückgreifen müssen. Ein sozialer: das Thema Brennholzabgabe. Das hat sich in den vergangenen Jahren entspannt, weil in den milden Wintern der Vergangenheit weniger Brennholz nötig war.

Und der dritte?
Hackethal: Ein ökologischer: Bei uns findet eine nachhaltige Waldbewirtschaftung statt. Abstrakt dargestellt, werden für jeden Baum, der gefällt wird, drei neue gepflanzt. Wenn Einigkeit besteht, dass wir heute mehr denn je auf den Werkstoff Holz angewiesen sind, dürfen wir uns nichts vormachen und danach handeln, dass wir bei uns große Gebiete aus der Nutzung herausnehmen, dafür aber das Holz aus Ländern anfahren lassen, bei denen die Nachhaltigkeit gerade nicht praktiziert wird und etwa eine Aufforstung nicht erfolgt.

Was folgt für Sie daraus?
Hackethal: Dann fehlt der ökologische Nutzen. Trotz unserer damaligen Entscheidung haben wir das Thema mit konkreten Schritten stets konstruktiv begleitet.

Was heißt das?
Hackethal: Zum Beispiel war die Morbacher Tourist-Info eine der ersten, die als Nationalpark-Informationsstelle diente. Und wir waren auch eine der ersten Kommunen, die den Nationalpark in ihrem Gästemagazin bewarb.

Ist es denn denkbar, dass Morbach sich noch assoziiert?
Hackethal: Warten wir’s doch mal ab... .

Eines der Themen, mit denen Sie damals angetreten waren, war das Thema "Zuhause alt werden" das im Rahmen der demografischen Entwicklung immer schwieriger wird. Was haben Sie erreicht?
Hackethal: Es gibt bei dem Thema keine einfachen Antworten. Es gilt, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Menschen in der Region zuhause alt werden können. Das kann auch nicht durch eine Einzelmaßnahme erfolgen, sondern setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen. Hier haben wir mit unserem Mobilitätskonzept zum Beispiel den Seniorenbus aus der Taufe gehoben, der seit kurzem die Menschen aus unseren Dörfern nach Morbach bringt, um einkaufen zu fahren oder den Arztbesuch zu erleichtern. Hinzu kommen Fragestellungen zu besonderen Wohnformen, genauso wie das schnelle Internet, das mittlerweile in allen Dörfern vorhanden ist, um auch immer mehr Senioren die Vorzüge einer digitalen Welt zu verschaffen. Das Themenfeld ist ein sehr weites und wird durch "Essen auf Rädern" und die Sicherstellung der medizinischen Grundversorgung noch lange nicht abgeschlossen.

Das Land hat die Existenz von Zwergschulen auf den Prüfstein gestellt. Wie groß ist die Gefahr, dass eine der drei Schulen geschlossen wird?
Hackethal: In der Vergangenheit waren es vier Schulen. Vor zwei Jahren haben wir uns zu dem schmerzhaften Schritt entschlossen, die Grundschule in Gutenthal zu schließen. Wie ist die Situation jetzt: Die Grundschule Morbach hat rund 300 Schüler, platzt aus allen Nähten und ist die größte Grundschule im Landkreis. In Morscheid gibt es vier Klassen. Da besteht derzeit keine Gefahr. Lediglich Haag steht auf der Prüfliste des Landes.

Und was passiert mit den Schülern, wenn die dortige Grundschule geschlossen würde?
Hackethal: In Morbach ist kein Platz mehr vorhanden. Und dass Haager Kinder nach Morscheid gehen ist mit den Richtlinien in Rheinland-Pfalz nicht vereinbar, weil die Busfahrt an diesen Standort über eine halbe Stunde dauern würde. Wir kämpfen um unsere Grundschule!

Morbach hat sich einen Namen mit der Energielandschaft gemacht. Jetzt ist es um sie still geworden. Woran liegt das?
Hackethal: Zunächst müssen wir einmal festhalten: Uns ist es gelungen, in den vergangenen Jahren nur mit gezielten Führungen mehr als 50 000 Menschen aus 115 Ländern der Welt nach Morbach zu bringen. Mit die letzten waren Vertreter der Fidschi-Inseln. Und es ist ja schon eine Botschaft, dass die Menschen aus der ganzen Welt sich bei uns über erneuerbare Energien informieren. Sie kommen nach wie vor.Das Interesse an der Energielandschaft ist ungebrochen.

Wie geht es dort weiter?
Hackethal: In der Energielandschaft soll es zu einem sogenannte "Repowering" kommen. Das heißt: Die Windräder, die inzwischen in die Jahre gekommen sind, sollen durch neuere, stärkere ersetzt werden. Dabei wird es sich um Windräder der neuesten Generation handeln und auch nochmal zusätzliche Attraktivität mit sich bringen. Übrigens: Auch die Konzentration an erneuerbaren Energiequellen im ehemaligen Munitionslager ist nach wie vor einzigartig.

Inwiefern?
Hackethal: Dort gibt es unter anderem neben Windrädern auch eine Biogasanlage, ein Holzhackschnitzelkraftwerk und Photovoltaikanlagen. Den Umfang dieser Photovoltaikanlagen haben wir in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt. Wir haben inzwischen mehr als 40 000 Quadratmeter vorzuweisen. Und was ist mit dem Thema Gasspeicher? Hackethal Wir hatten mal eine Methanisierungsanlage als Vorführmodell in Wenigerath. Das Thema, wie man durch Windkraft gewonnenen Strom speichern kann, ist derzeit ein sehr aktuelles. Ob derartige Überlegungen später in ein Methanisierung- oder ein anderes Verfahren münden, bleibt abzuwarten.

Ruhig ist es auch um das Thema Heimat geworden. Es gab beispielsweise in diesem Jahr kein Open-Air-Kino ...
Hackethal: Auch hier können wir einen großen Erfolg verbuchen: Die Themen Edgar Reitz, Heimat und Hunsrück haben wir in den vergangenen Jahren fest in Morbach verankert. Diese Themen haben nur eine Heimat und die ist in Morbach! Und wir verfolgen sie weiter. Wir führen Überlegungen, das Thema weiterzuentwickeln.Inwiefern? Dazu später mehr.

Apropos weiterentwickeln. Der Hunsrück ist zu einer echten Wanderregion geworden. Aber so richtig niedergeschlagen hat sich das bei der Zahl der Gäste und Übernachtungen nicht, oder?
Hackethal: Das sehe ich anders. Wir haben im Tourismus in den vergangenen Jahren die richtigen Schwerpunkte gesetzt, in dem wir etwa das Thema Wandern ganz oben angestellt haben. Dabei haben wir auf Qualität gesetzt und beispielsweise viele, viele Kilometer - genau 181 Kilometer - Wanderwege aus der Nutzung genommen, um unsere Flaggschiffe, die Traumschleifen, so weiterzuentwickeln, dass sie zusätzliche Touristen, Wanderer und Gäste anziehen. Und die Tatsache, dass mit dem Saar-Hunsrück-Steig und der LandZeitTour die Titel Deutschlands schönster und zweitschönsten Wanderweg (der TV berichtete) in unsere Region gehen, zeigt, dass alle zusammen eine gute Arbeit geleistet haben.

Wie sehen denn die Zahlen aus?
Hackethal: Die touristischen Eckdaten - Gäste und Übernachtungen - bewegen sich in die richtige Richtung. (2015: Gäste 19351; Übernachtungen 60356 - 2016: Gäste 19830; Übernachtungen 67237).

Das ist alles erfreulich. Schade nur, wenn man zu wenig Betten hat.
Hackethal: Wir haben hier gute Anbieter von Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen, die mit großer Leidenschaft ihr Handwerk betreiben. Umso schöner, dass beispielsweise mit dem neuen Boarding House in Morbach eine weitere Infrastruktureinrichtung geschaffen wurde. Das zeigt doch, dass die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt wurden. Zudem bin ich der Überzeugung, dass uns ein weiterer Hotelbetrieb gut tun würde!

Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?
Hackethal: Besonders stolz kann man darauf sein, dass es in der Gemeinde Morbach immer wieder gelingt, durch ein großes ehrenamtliches Engagement unsere Gesellschaft weiterzubringen. Die Tätigkeiten, die in den vielfältigsten Vereinen, ob Kultur, Heimat, Musik, Sport oder unseren Feuerwehren betrieben werden, tragen dazu bei, die Kinder in die Gesellschaft einzuführen, den Erwachsenen eine Heimat zu geben und den Alten eine großartige Hilfestellung zu bieten. Denjenigen, die sich in den unterschiedlichen Bereichen engagieren, kann man nur ein großartiges Dankeschön sagen..

Gibt es etwas, was Sie im Nachhinein anders machen würden?
Hackethal: In den Grundausrichtungen nichts.

In zwei Jahren wird in Morbach ein neuer Bürgermeister gewählt. Wie sieht es denn aus? Wollen Sie wieder antreten?
Ja.

Zur Person

Andreas Hackethal (43) ist verheiratet und hat zwei Kinder. Der gelernte Jurist stammt aus Morbach und wohnt in Bernkastel-Kues. Er ist seit September 2011 Bürgermeister der Einheitsgemeinde Morbach.

Foto: Klaus Kimmling

Foto: Klaus Kimmling

25. September 2017

Von: Trierischer Volksfreund, Ilse Rosenschild

Ansprechpartner

Gemeindeverwaltung Morbach
Bahnhofstraße 19
54497 Morbach
Tel.: 06533/71-0
Fax: 06533/71-166
E-Mail: info[at]morbach.de