Allgemein

Übergänge zwischen den Welten

02. Januar 2018

Türen stehen im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung des Hunsrücker Holzmuseums in Morbach-Weiperath. Aber was hat dieses Thema mit dem Jahreswechsel beziehungsweise dem Monat Januar zu tun?

Warum trägt ein Bräutigam seine Angetraute über die Schwelle des neuen Heims? Was sagt eine Haustür über die Bewohner des Gebäudes aus? Und was hat ein römischer Gott mit dem Thema zu tun? Diese und andere Fragen beantwortet uns Annette Eiden-Schuh vom Hunsrückverein in einem TV-Interview. Sie ist die Kuratorin der Ausstellung „Ianua – Türen öffnen Welten“ im Hunsrücker Holzmuseum.

Worum geht es in der Schau?

ANNETTE EIDEN-SCHUH: Unsere aktuelle Sonderausstellung greift ein Thema auf, das einen starken Bezug zur Region aufnimmt. Das lateinische Wort Ianua bedeutet Tür. Und Türen öffnen in der Tat Welten: Die Welt hinter der Haustür ist eine andere als die davor. Der Fokus liegt auf Haustüren.

Warum?

EIDEN-SCHUH: Haustüren waren früher viel mehr als nur Mittel zum Zweck: Sie hielten eben nicht nur Wind und Wetter stand oder schirmten das Innere des Hauses von der Welt da draußen ab. Die historischen Eingangstüren transportieren mit ihren diversen Gestaltungselementen Botschaften verschiedenster Art bis in die Gegenwart.

Zum Beispiel:

EIDEN-SCHUH: Neben der Schutzfunktion sagen Schmuckelemente viel über den einstigen Auftraggeber aus: Leider ist das Wissen um deren Bedeutung heute in Vergessenheit geraten. Wir finden die alten Türen einfach nur noch schön oder auch nicht. Eine banale Sache in Anbetracht der Tatsache, dass wir viel mehr erfahren könnten, wenn wir doch nur im Ansatz noch Kenntnis über die Bedeutung und damit die Aussagekraft der Symbole hätten.

Welches Objekt ist aus Ihrer Sicht besonders interessant?

EIDEN-SCHUH: Alle Objekte sind auf ihre Weise interessant. Mir persönlich hat es die Lilie angetan, die auf der ausgestellten Haustür des „Waldisch“-Hauses aus Weiperath zu finden ist. Das Trierer Einhaus wurde 1989 abgerissen. Die Eingangstür, etwa 170 bis 200 Jahre alt, hat im Archiv des Hunsrückvereins auf ihren „Auftritt“ gewartet.

Warum die Lilie?

EIDEN-SCHUH: Sie symbolisiert Unschuld und Jungfräulichkeit, sie steht für die vertrauensvolle Hingabe, vor allem der Frauen, zu Gott. Gleichzeitig stand die Lilie schon zu Zeiten der Römer für die Hausherrin, also die Hausfrau, die selbstbewusst hinter der Tür das Sagen hatte. Diese Bedeutung hat man später auch auf die christlich geprägte Familie übertragen, was bis ins 19. Jahrhundert Gültigkeit hatte.

Was sagt eine solche Blume über die Besitzer aus?

EIDEN-SCHUH: Die Erbauer des Hauses waren also recht fortschrittlich, denn die Frau des Hauses hatte durchaus einen gewissen, wenn auch „inhäusigen Machtbereich“, und der Ehemann hatte scheinbar nichts dagegen, dies der Außenwelt kundzutun.

Noch mal zurück zum Wort Ianua. Es geht in der Ausstellung nicht allein um das Thema Tür …

EIDEN-SCHUH: Das lateinische Wort für Tür begegnet uns auch im Namen des römischen Gottes Janus wieder. In der römischen Antike war diesem Gott der erste Tag eines Monats sowie der erste Monat im Jahr gewidmet.
Nach ihm ist der Januar benannt. Er ist der Gott des Beginnens, der Anfänge, der Übergänge und des Durchgangs. Janus ist der Schutzgott der Häuser, wacht über Türen und Tore und über den Ein- und Ausgang. Er blickt in zwei Richtungen einer Tür und schaut in die Vergangenheit und gleichzeitig in die Zukunft.

Und der römische Gott begegnet uns auch in der Region?

EIDEN-SCHUH: Ja. Der Künstler Ernst Alt, gestorben 2013, vor allem bekannt durch seine qualitätvolle sakrale Kunst, hat für etliche bedeutende Kirchen in Deutschland Skulpturen und liturgische Gegenstände geschaffen. 1986 gestaltete er für die Basilika St. Johann in Saarbrücken das große Hauptportal aus Bronze. Der innere Türgriff ist in Form eines Januskopfes gearbeitet. Die Großeltern des Künstlers stammen übrigens aus Merschbach im Hunsrück.

In Weiperath ist auch eine Abbildung eines Fresko aus der Kirche in Heiligenbösch bei Leisel zu sehen. Was hat es damit auf sich?

EIDEN-SCHUH: Ianus gehört zur gleichen Wortfamilie wie Ianua und bezeichnet einen unverschlossenen, gewölbten Durchgang, der einen Vorraum mit einem abgründigen Ort im Sinne eines Höllenschlundes verbindet. Auf dem Fresko markiert er den Bereich endgültiger Gottes- und Heilsferne, dem der Sünder nach seinem Tod überantwortet wird. Eine Frau an der Schwelle dieses Tores wehrt sich gegen die verordnete Durchschreitung, welche einen erschütternden Einblick in die Vielfalt der teuflichen Straffantasien und seiner dämonischen Assistentinnen (Hexen) gewährt. Die Ausstellung eröffnet die einmalige Gelegenheit, dieses Fresko in Gänze zu betrachten, ist es doch ansonsten durch die Orgel verborgen.

Auch der Filmemacher Edgar Reitz kommt in der Ausstellung vor …

EIDEN-SCHUH: Der berühmte Regisseur der Heimat-Triologie ist nicht, wie oft angenommen, im Café Heimat, dem einstigen Uhrmacherladen seines Vaters Robert, geboren, sondern eine Straße weiter in einem Haus, das seit Jahrzehnten das so genannte Hochwald-Café beheimatet. Da die Eingangstür mit der Rauten­struktur von 1926 noch vorhanden und in einem Schuppen wieder entdeckt worden ist, war klar, dass diese Tür in die Ausstellung muss.

Aber es werden auch Filmsequenzen aus „Heimat“ abgebildet.

EIDEN-SCHUH: Ja. Ernst Simon versucht nach dem Krieg sein Glück als Händler für Bauelemente und schwatzt den Hunsrücker Bauern, die des alten „Krames“ leid sind, ihre schönen alten Möbel, Holzsprossenfenster und Haustüren ab, die er gewinnbringend weiter verkauft. Stattdessen sind die Bauersleute nun stolz auf die neuen Fenster und Haustüren aus Aluminium. Unsere Großeltern erinnern sich noch gut an die fahrenden Händler, die den Hunsrück nach dem Kriege „geplündert“ haben.

Spielt die symbolische Bedeutung von Türen auch heutzutage noch eine Rolle?

EIDEN-SCHUH: Ja, bei den Bräuchen. Zum Beispiel, wenn der frischgebackene Ehemann seine Braut über die Schwelle des künftigen Domizils trägt. Das hat nicht nur was mit dem neuen Eigenheim zu tun, sondern eben auch damit, dass für beide ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Quelle: 29. Dezember 2017, Trierischer Volksfreund, Ilse Rosenschild
Foto: Klaus Kimmling

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