Kultur

CINEMINI im Kino Heimat in Morbach

09. Juli 2026

Von Christiane Schleindl

Kurz nach der Premiere von Edgar Reitz „Filmstunde 23“, die Diskussionen nach einer sinnvolleren Filmbildung in Deutschland aufwarfen, als wir sie derzeit vielerorts haben, fragte mich Susanne Reitz, seine Tochter, ob wir nicht eine Filmstunde der spielerischen Art für Kinder im Kino Heimat in Morbach, dem ehemaligen Elternhaus des Regisseurs konzipieren wollten. Sie ist Tanzpädagogin in Amsterdam und kannte das CINEMINI Programm vom EYE, dem Filmmuseum in Amsterdam, das sich an Kleinkinder zwischen 2 und 6 Jahren richtet und wie man dort beispielsweise kurze Filme mit Tanz und Schattenspiel verbinden könnte. Bei CINEMINI fiel mir sofort das Filmmuseum Frankfurt ein. Bald stellte sich heraus, dass das Filmmuseum Frankfurt zusammen mit dem EYE und anderen europäischen Filmmuseen das Programm CINEMINI EUROPE überhaupt erst entwickelt hatte. Es entstand zusammen mit Susanne Reitz und Samira Jakobi vom Filmmuseum Frankfurt, ein eigens für das Kino Heimat und seine Voraussetzungen vor Ort entwickeltes Programm für sechs Kindergärten an drei Tagen. Es liest sich so schön, Kindern, Eltern und Pädagogen spielerisch über Beispiele der Filmgeschichte Film und Kino nahezubringen. Wer einmal real erlebt hat, was dies bedeuten kann, der wird es nie wieder vergessen. Vom 28. bis 30. April fanden die Filmstunden der besonderen Art schließlich im Kino Heimat statt. Die Gruppen waren nie größer als 12 Kinder um ihnen allen gerecht werden zu können. Zuerst wurde das Haus erkundet, in dem sich neben einem kleinen Kino, Cafe auch ein Museum über die Filme von Edgar Reitz angliedert, durch das Susanne Reitz sehr einfühlsam führte. Darunter auch ein kleiner 35mm Handkurbelprojektor ihres Vaters, den die Kinder fleißig benutzten. Vom Filmmuseum kamen noch Daumenkinos und Filmstreifen hinzu, die die Kinder an die Fenster hielten und betrachteten. Samira Jakobi nahm die Kinder immer wieder an die Hand und begeisterte sie mit einfachen Worten und Fragen. Dann ging es runter ins Kino, vor die Leinwand, die noch nicht heruntergelassen war, so dass man noch nach draußen sehen konnte. Die Kinder stellten sich mit den Erwachsenen im Kreis auf und nannten, nach Silben hüpfend, ihre Namen und gingen zu ihren Plätzen. Dann wurde sich von Morbach verabschiedet, die Leinwand ging runter und das Kino wurde begrüßt. Schon der erste Film Bimo Xinglü stieß bei den Kindern auf große Begeisterung. Der vierminütige Animationsfilm von 2017 aus Taiwan, zeigt eine farbenfrohe phantasievolle Verwandlungsgeschichte eines Jungen, der mal als Vogel, mal als Pferd durch eine immer komplexere Landschaft läuft und fliegt. Im Nachspann zeigt der Film Szenen, die andeuten, wie er entstanden ist. Auch hier überlegten die Kinder erstaunlich kundig, wie Animationsfilme entstehen könnten. Dann wurde der zweite Film Die sechs akrobatischen Schwestern gezeigt.  Der handkolorierte 2-minütige Film von 1902 zeigt sechs Artistinnen in kuriosen Kostümen und aberwitzigen Saltos und Hebefiguren. Anschließend übte Susanne Reitz mit den Kindern kleine Akrobatiknummern, nicht so halsbrecherisch wie im Film, aber umso lebendiger. Der letzte Film Der begossene Gärtner von 1985, zeigt zwar, und das in 2 Minuten einen uralten Gag – ein Gärtner gießt den Garten, ein Gärtnergeselle stellt sich unbemerkt auf den Schlauch, der Gärtner wird vollgespritzt und der lachende Geselle verhauen – der aber bei den Kindern sehr gut ankam. Dieser Film sollte bei der allerletzten Vorführung noch eine besondere Rolle spielen. Die Kinder durften einen Film noch einmal sehen und wählten, wen wunderts, da sie selbst nach dem Film die Akteure waren,  die sechs akrobatischen Schwestern aus. Die 90 Minuten waren wie im Flug vergangen.

Für jede Vorführung überlegten sich Samira Jakobi und Susanne Reitz ein besonderes Programm. Filme wurden in den einzelnen Programmen auch immer speziell für die jeweiligen anschließenden Aktionen ausgewählt. Dingen, ein abstrakter zweiminütiger Film von 2005 beispielsweise wurde mit einem anschließenden wunderbaren bunten Schattenspiel auf der Leinwand verbunden. Oder Istvan Szabos Ter, ein 5 minütiger Film von 1971 über einen Platz in Ungarn, mit anschließendem Malen auf dem Markt von Morbach. Auch sehr eindrücklich waren die Geschichten, die nach dem 5minütigem rhythmischen Animationsfilm Surprise Boogie von 1957, entstanden.  Die Kinder kratzten auf Streifen aus Overheadfolie, die vorher mit schwarzer Farbe bemalt wurden ihre eigenen Geschichten in die Folie. Und das einfach auf dem Boden vor der Leinwand. Die Folien wurden anschließend langsam durch eine Laterna Magica gezogen die auf eine kleine Leinwand projizierte und dazu erzählten die Kinder ihre ganz eigenen Geschichten. Ich könnte noch viele Beispiele nennen, wobei gerade die abstrakten Filme wie Virtuos Virtuell erstaunlich gut bei den Kindern ankamen und Sie inspirierten.  Bei der allerletzten Vorführung wurde der oben erwähnte Stummfilm Der begossene Gärtner von den Kindern live vertont. Und das mit solcher Leidenschaft, dass es eine Wonne war Ihnen zuzuhören. Obwohl das auch einige Kraft von allen abverlangte, entstand sofort die Idee, im Herbst weiter zu machen. Cinemini hat immerhin einen Katalog von 26 Kurzfilmen aus der ganzen Welt.  Auch könnte man die Pädagogen und Pädagoginnen vor Ort fortbilden. Natürlich ist dies alles nicht kostenlos zu haben und ohne Edgar Reitz, die Edgar-Reitz-Filmstiftung, die FFA Förderung für Filmbildung und die Stadt Morbach wäre es nicht möglich gewesen. Auch braucht man so gute Partner wie Jasmin Kühl, die die Kindergärten einlud und koordinierte. So aufgeschlossene Eltern, Pädagogen und Pädagoginnen, wie in Morbach und Umgebung. Unerwähnt darf auch nicht das sehr große Engagement von Olga Ziegenhagel und Alfons Schramer vom Kino und Cafe Heimat bleiben ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre. Aber es ist möglich und sehr sinnvoll und ich möchte auch andere Kinos dazu animieren sich auf dieses wunderbare inspirierende Abenteuer einzulassen.